Neues Erzählen im Film

In den letzten beiden Tagen habe ich zwei Formen von „neuem Erzählen“ im Medium Film ausprobiert. Die erste war der als „weltweit erster interaktiver Kinofilm“ angepriesene „Late Shift“ des Schweizer Start-Ups „CtrlMovie“. Die zweite der VR Kurzfilm „Allumette“ (im Augenblick noch kostenlos über Steam erhältlich) auf der HTC Vive.

Zuerst einmal würde ich Late Shift nur halb Recht geben, der erste interaktive Kinofilm zu sein. Es ist der erste im Kino interaktiv laufende Kinofilm (und war daher leider wohl auch nur in Großbritannien und der Schweiz überhaupt zu sehen). In relativ kurzen Abständen haben die Kinobesucher die Möglichkeit, innerhalb weniger Sekunden durch die Auswahl von Entscheidungsoptionen auf der dazu nötigen Handy-App den Fortgang der Geschichte mitzubestimmen. Die Entscheidungen können sich dabei zum einen nur kurz auf den folgenden Verlauf auswirken, aber insgesamt auch zu sieben verschiedenen Enden des Films führen. Diese Einflussmöglichkeit im Kino ist neu – auf BluRay gab es aber zumindest bei Final Destination 3 neben der Filmversion eine Spezialvariante „Bestimme ihr Schicksal“, bei der man an bestimmten Stellen im Film eine Entscheidung zwischen Kopf oder Zahl treffen musste, die dann den weiteren Verlauf bestimmt (und den Film bereits sehr schnell enden lassen konnte…).

Wer wie ich keine Möglichkeit hatte, Late Shift im Kino zu sehen, kann auf die iOS-App aufweichen. Die App ist kostenlos, wobei man sich nur eine Episode des Film ansehen kann. Wer den ganzen Film gucken will, muss diesen für 4,99 Euro freischalten. Wer den Film über die App schaut, hat aber im Gegensatz zum Kino zwei vermeintliche Vorteile: erstens bestimmt seine Entscheidung  tatsächlich über den Verlauf des Films. Wer dagegen im Kino sitzt, muss mit der Entscheidung der Publikumsmehrheit vorlieb nehmen. Zweitens kann man mit der App natürlich ohne Probleme ausprobieren, welche Folgen alternative Entscheidungen haben. Allerdings finde ich, dass diese Freiheit eigentlich fast den ganzen Reiz dieses Erzählformats zu Nichte macht. Während ich nach dem Kinobesuch vielleicht das Gefühl habe, eine individualisierte Version des Films gesehen zu haben und die spannende Frage, was passiert wäre, wenn man sich an einzelnen Stellen doch anders entschieden hätte, offen bleibt (außer man ist bereit, für eine alternative Version noch einmal Geld für die Kinokarte auszugeben) geht dieser Reiz bei der App durch die einfache Wiederholbarkeit verloren.

Interessanter fand ich da schon den VR Animationsfilm Allumette, der lose auf dem Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen beruht. Ich habe ihn auf der HTC Vive angeschaut. Der Kurzfilm unterstützt Room-Scale-VR, so dass man sich die Filmszenen, die in einer Wolkenstadt spielen, aus allen erdenklich unterschiedlichen Blickwinkeln durch umhergehen und „hineinlehnen“ ansehen kann. Dies muss man auch, wenn etwa Szenen im Inneren eines Luftschiffes spielen, dass an der Wolkenstadt vor Anker liegt.

Das Beispiel Allumette wirft aber auch einige Fragen auf, die sich meiner Meinung nach generell bei dieser Form des filmischen Erzählens stellen.

  1. Wo guckt man hin? Bei „normalen Filmen“ gibt es neben den Blick auf die Haupthandlung einen bewegten Hintergrund auf dem für den Film wichtige oder unwichtige Dinge „nebenher“ passieren. In einer begehbaren VR Filmumgebung guckt man schnell in eine Richtung, wo von der eigentlich Handlung nichts mehr zu sehen ist. Bei Allumette wird dies „verhindert“ indem nur auf einem sehr kleinen Teil der Gesamtszene jeweils die Handlung abläuft. Um diese Haupthandlung herum passiert auf der gesamten Szene eigentlich nichts, so dass man auch wenig Interesse daran hat, woanders hinzuschauen. Damit geht aber gleichzeitig Potenzial verloren, interessante Dinge zu entdecken, weil neben der Haupthandlung eben gar nichts passiert. Die Handlung einfach auszusetzen, bis man als Zuschauer wieder „zuguckt“ ist aber wohl auch keine gute Lösung.
  2. Ist das anstrengend? Der Kurzfilm dauert etwa 20 Minuten und es ist schon etwas ungewohnt, einen Film im Stehen zu gucken. Und sich gemütlich in einem Sessel zu flätzen, ist schon was anderes, als halb gebückt im Raum zu stehen, um die Handlung auf einer tieferliegenden Ebene der Szene zu verfolgen. Ob ich da auf einen Film mit Überlänge Lust hätte, weiß ich ehrlich gesagt nicht.
  3. Wie cool wäre Interaktivität? Die Szenen in Allumette sind zwar frei begehbar und daher kann der Zuschauer jede erdenkliche Perspektive einnehmen. Beeinflussen kann er die Handlung jedoch nicht. Gerade im Bereich Interaktivität sehe ich aber viel Potenzial. Ich habe mich bei Allumette schon teilweise beim Versuch ertappt, in die Szene hineingreifen zu wollen. Dann müsste die Handlung natürlich auf das Eingreifen des Zuschauers reagieren. Wobei sich dann natürlich die Frage eröffnet, wie ein solches Eingreifen in der fiktiven Realität des Films erklärbar sein könnte. Einfacher möglich wäre es natürlich, nicht direkt handlungsrelevante Elemente oder Hintergrundhandlungen interaktiv zu gestalten.
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